Evangelischer Verein Fellbach e.V.

Raus aus dem Büro, rein in den Pflegealltag

|   Diakoniestation

Am 12. Mai ist „Tag der Pflege“. Die Versorgung älterer und kranker Menschen ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die nur mit gutem Fachpersonal zu stemmen ist. Doch wie genau sieht eine Tour beim ambulanten Pflegedienst aus? Maria Holzmann von der Öffentlichkeitsarbeit des Evangelischen Vereins verschafft sich einen Eindruck.

2,86 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit pflegebedürftig. Bis zum Jahr 2030 werden es 3,4 und bis 2050 4,5 Millionen Pflegebedürftige sein.* Diese Menschen müssen versorgt werden. Der Mangel an ausgebildetem Personal ist allgemein bekannt und in aller Munde. Im Fokus des Tags der Pflege 2018 steht daher das Thema Fachkräftegewinnung. „Für Personalakquise sollte man wissen, wovon man spricht“, denke ich mir. Umso mehr freue ich mich über die Möglichkeit, Tobias Drechsel von der Diakoniestation des Evangelischen Vereins auf seiner Morgentour begleiten zu dürfen.

Der frühe Vogel…

Um 6:45 Uhr soll es losgehen. Für mich bedeutet das, eine Stunde vorher das Haus zu verlassen, um rechtzeitig in der Geschäftsstelle in Fellbach zu sein. Vor Ort herrscht bereits reges Treiben. Als erstes steht für alle der Check an, ob aktuelle Themen, Nachrichten oder Aufträge bezüglich der Klienten auf der Tour vorliegen. Weiter geht es mit dem Griff zu einem der Diensthandys in der Ladestation. Nach dem Login haben die Mitarbeiter Zugriff auf ihre jeweilige Tour und auf alle klientenspezifischen Daten – seien es medizinische Informationen, die Kontaktdaten der Angehörigen oder Anmerkungen der Kollegen, die zuletzt bei der oder dem Betreuten waren. Diese Arbeit im Hintergrund erfordert Konzentration, Managementfähigkeiten und nicht zuletzt Ortskenntnis, um einen funktionierenden Dienstplan auf die Beine zu stellen. Die digitale Aufbereitung erleichtert die dokumentarische Arbeit in der Diakoniestation und bietet manchen praktischen Vorteil. Zuletzt erfolgt der Griff zu den Schlüsseln der Klienten, die auf dieser Tour versorgt werden, dann geht es auch schon los.

Sicherheit und Vertrauen aufbauen

Die meisten Menschen sind bereits auf den Beinen, als wir eintreffen. Ich merke, wie wichtig die „Bezugspflege“ ist, die beim Evangelischen Verein praktiziert wird. „Ziel der Bezugspflege ist es, den zu Versorgenden möglichst wenig personelle Wechsel zuzumuten“, erläutert Tobias Drechsel, der seit bald 20 Jahren im Evangelischen Verein tätig ist. Kennen sich Pflegekräfte und Klienten, kann ein besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, das sich positiv auf die Pflege auswirkt. Es entsteht eine Kontinuität als Basis für die bestmögliche individuelle Versorgung der Klienten. Im Umkehrschluss kann die Bezugspflege zu einer größeren Zufriedenheit bei den Pflegebedürftigen, deren Angehörigen und nicht zuletzt bei den Pflegefachkräften führen.

Man kennt sich also und so folgt erst einmal die gegenseitige Frage, wie das Wochenende war. Während die Kompressionsstrümpfe angezogen werden oder der Verbandswechsel vonstattengeht, gibt Tobias Drechsel einen Ausblick auf den Tag und die Woche. Werden die Klienten auf der Abendtour noch einmal versorgt, verabschiedet man sich bis später. Weiß Drechsel bereits, dass im Lauf der Woche einmal jemand anderes aus dem Team kommt, kündigt er dies schon einmal an. Für die Menschen ist es wichtig, sich auf solche Dinge einstellen zu können.

Begegnung mit Respekt und Hochachtung

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakoniestation lernen im Minutentakt verschiedene Welten kennen. Sie erhalten Einblicke in das Zuhause der Klienten, sehen Fotos der Familien und Erinnerungen an ein oftmals langes Leben. Gerade in der ambulanten Versorgung kommt es zu vielen und nahen Begegnungen – man betritt den privaten Raum der Menschen. Umso wichtiger ist es, ihnen mit Würde zu begegnen. Ein zu betreuender Mensch ist kein unmündiges Mitglied der Gesellschaft. „Wir sind zu Gast in den Wohnungen und Häusern“, betont denn auch Tobias Drechsel während wir im Auto sind auf dem Weg zum nächsten Klienten, einem an Demenz erkrankten Herrn, der von seiner Frau und der Diakoniestation versorgt wird. Auf dem kurzen Weg, der unfreiwillig durch einige innerstädtische Baustellen verlängert wird, bleibt kaum Zeit für die Verarbeitung der vielen Eindrücke: Verschiedene Krankheitsbilder, der Anblick und das Versorgen von Wunden, der Austausch mit den Menschen, Geschichten eines Lebens, die voller Fröhlichkeit aber auch Wehmut sind.

Was Pflegekräfte täglich erwartet

Pflege kann aus vielfältigen Gründen notwendig werden: Alter, Behinderung, Krankheit… Keiner ist gefeit davor – auch wenn in der Gesellschaft ein großes Verdrängen bemerkbar ist, wissen wir um unsere eigene Verletzlichkeit. Von den eingangs erwähnten 2,86 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden 2,08 Millionen zu Hause versorgt – davon 1,3 Millionen allein durch Angehörige.* Eine schwierige Situation für alle Seiten. Für die Angehörigen bedeutet das oftmals einen Kampf um Finanzierungs- und Betreuungsmöglichkeiten. Beginnend bei der Einstufung des Pflegegrads, der erforderlichen Ausstattung bis zur Gestaltung der Pflege an sich gibt es viel zu bedenken. Die Verhandlungen mit Krankenkassen und Ämtern können zermürbend sein, im schlimmsten Fall hat die Versorgung von Pflegebedürftigen Auswirkungen auf die eigene Familie(nplanung), die Karriere und nicht zuletzt die Vorsorge.

Für die zu Versorgenden ist es meist nicht leichter. Häufig handelt es sich um Mitglieder einer Generation, die sich nach einem langen, entbehrungsreichen Leben etwas aufgebaut und sich zu Unabhängigkeit verholfen haben. Der Verlust von Selbstständigkeit wiegt schwer und so reagieren viele mit Trotz oder Verdrängung auf ihre Situation.

692.000 pflegebedürftige Menschen werden zu Hause zusammen mit oder allein durch ambulante Pflegedienste versorgt. In der diakonischen Altenpflege arbeiten 153.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in rund 1.750 ambulanten Pflegediensten und Beratungsstellen. Zudem gibt es 2.755 Pflegeheime in diakonischer Verantwortung.*

Die Arbeit als Pflegefachkraft (Altenpfleger, Kranken- und Gesundheitspfleger) erfordert eine fundierte Ausbildung und ein sehr gutes medizinisches Grundwissen. Das wird deutlich, wenn Tobias Drechsel versiert „ans Werk“ geht, Verbände wechselt, den Blutzuckerwert misst, die Medikamenteneinnahme überwacht, die Wundversorgung und nicht zuletzt die hygienebezogenen Aufgaben wie Waschen, Rasieren und Anziehen vornimmt.

Geht Pflege ohne „Pflege-Gen“?

Pflege, beziehungsweise die häusliche Versorgung, ist eine intime Angelegenheit. Sie erfordert Mitmenschlichkeit, Empathie und gegenseitigen Respekt. Sie geht einher mit einer hohen körperlichen Belastung. Ich sehe, wie schwer es ist, einen beinahe bewegungsunfähigen Menschen von einem Raum in den anderen zu transportieren, mit wieviel Geduld die immer gleichen Aussagen wiederholt werden, weil den zu Versorgenden die Orientierung fehlt und die Erinnerung an die Minute zuvor schon wieder verloren gegangen ist. Ich bemerke, dass der Umgang liebevoll ist, auch wenn der Zeitdruck definitiv vorhanden ist. Ja, beinahe jede pflegerische Handlung ist bemessen und kategorisiert. Doch hier passiert nicht nur Dienst nach Vorschrift, auch wenn die zu Versorgenden oft den Eindruck haben, dass die Pflegerinnen und Pfleger, kaum dass sie zur Tür herein gekommen sind, schon wieder weiter müssen. Fragt man in die Runde der Pflegefachkräfte wird deutlich, was gegen ein Etikett als „Traumberuf“ spricht: Bürokratie, Überstunden, Zeitnot und die fehlende gesellschaftliche und finanzielle Würdigung der geleisteten Arbeit. Kein Wunder, dass es einen Fachkräftemangel gibt, so der Tenor. Man weiß genau, gewinnt man einen neuen Kollegen, entsteht woanders eine Lücke, die nicht zu füllen ist. Was also tun, um die Situation für alle Beteiligten zu verbessern? Kann es eine Lösung sein, das System durch pflegende Angehörige zu entlasten, die sich selbst organisieren? Wohl kaum, denke ich mir und erinnere gerne an die 1,3 Millionen Pflegebedürftigen, die allein durch Angehörige versorgt werden.

System Pflege

Was ist uns ambulante Pflege wert? Gelingt gute Pflege nur auf Kosten der Fachkräfte und der Angehörigen? Wann ist der Druck endlich groß genug, dass mit allen Kräften, finanzieller wie inhaltlicher Art, an einer Verbesserung der Situation gearbeitet wird? Was muss geschehen, damit die politisch Verantwortlichen endlich angemessen reagieren?

Es mangelt nicht an Einsatzwille und Leidenschaft für den Beruf, aber an Zeit. Selbst wenn das Zeitproblem nicht sofort zu lösen ist, wird für mich deutlich, wie wichtig Wertschätzung ist. Seitens der Klienten ist diese oft gegeben – unzählige Male höre ich während meiner kurzen Tourbegleitung lobende, gerührte Worte für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch auch die Anerkennung und Wertschätzung seitens Politik, Wirtschaft und vor allem der Gesellschaft ist äußerst wichtig.

Der Beruf ist ohne eine emotionale, empathische Bindung fast unmöglich. Muss also eine Bemessung losgelöst von finanziellen Erlösen und Aspekten erfolgen? Nein. Sicher, mehr Lohn ist nicht alles. Allein mehr Geld führt nicht unbedingt zu besserer Arbeit und angenehmeren Bedingungen. Aber es kann der Boden sein, auf welchem dem skizzierten Berufsbild Taten folgen, damit Anspruch und Realität übereinstimmen.

Es ist wichtig, den vorhandenen Kräften – und zwar sowohl draußen bei den Menschen als auch im Backend in der Planung und Verwaltung – Möglichkeiten zum Ausruhen und für neue Konzentration zu verschaffen. Als wertvollste Güter werden mehr Zeit und weniger Stress gesehen – von den Pflegefachkräften und auch von den Klienten und deren Angehörigen, die sehr wohl wissen, was die Mitarbeitenden des Evangelischen Vereins leisten. Mehr Zeit und weniger Stress werden möglich durch mehr Kolleginnen und Kollegen. Dafür müssen mehr Nachwuchskräfte kommen, wofür wiederum mehr finanzielle Anreize geschaffen werden müssen. Denn seien wir ehrlich: Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. Die Wohlfahrtverbände Diakonie und Caritas sind die größten privaten Arbeitgeber in diesem Bereich. Der Evangelische Verein ist Mitglied der Diakonie und bezahlt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Tarif. Nichtsdestotrotz gibt es sicherlich auch bei uns Möglichkeiten, die Bedingungen mit Hilfe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter zu verbessern und moderne, gut ausgestattete Arbeitsplätze zu gestalten.

Die Begleitung von Tobias Drechsel ist eine auf vielfältige Weise interessante und auch fordernde Erfahrung. Ich bin beeindruckt, mit welcher Haltung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Diakoniestation ihren Job machen. Dafür gebührt ihnen großer Respekt!

*Quelle: Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik und Einrichtungsstatistik 2016 der Diakonie Deutschland aus "Wir suchen die Guten! Komm ins Team der Diakonie! Informationen zum bundesweiten Aktionstag Pflege 2018 der Diakonie und des DEVAP in der Woche des Internationalen Tags der Pflege vom 7. bis 13. Mai 2018", S. 13

 

Text und Fotos: Maria Holzmann, Evangelischer Verein Fellbach e.V.

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