Evangelischer Verein Fellbach e.V.

Was war, was bleibt und wie es weitergeht

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Ende September legt Günter Geyer sein Amt als Fellbacher Finanz- und Sozialbürgermeister nieder. Wir haben mit ihm über seine Zeit in Fellbach, die Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Verein und seine Zukunftspläne gesprochen.

Maria Holzmann: Herr Geyer, Sie treten Ende September von Ihrem Amt als Erster Bürgermeister zurück. Wie können wir uns Ihren letzten Arbeitstag vorstellen?

Günter Geyer: Ich hoffe, dass ich bis dahin das meiste aufgeräumt habe. Ich werde dann alles abgeben – Schlüssel, Karte, Dienstwagen – und mich von allen verabschieden, die mir an diesem letzten Tag noch über den Weg laufen. Und dann ist es gut. Ich denke, dass zumindest bei mir ein paar Tränen fließen werden, weil das ein großer Einschnitt für mich ist. Ich war ja wirklich gern hier und der Schritt fällt mir auch nicht leicht.

 

Unter anderem verantworteten Sie die Stabstellen für Senioren, Integration und Inklusion und das Amt für Bildung, Jugend, Familien und Sport. Wie sah Ihre Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem Evangelischen Verein aus?

Die Themenvielfalt und auch die Komplexität waren und sind teilweise enorm. Aber in Fellbach herrscht ein gutes Zusammenwirken der sozialen Einrichtungen und Träger. Wir sind da in einem tollen Miteinander, in guter Kommunikation und immer zum Wohl der Menschen in Fellbach unterwegs. Die Themen meines Verantwortungsbereichs sind ja die gesellschaftspolitisch relevanten Themen, die uns aktuell und auch die nächsten Jahre stark beschäftigen werden. Im Bereich der Kindertagesstätten ist der Evangelische Verein als größter Träger in der Stadt ein ganz wichtiger und hochkompetenter Partner, mit dem wir viel zusammen arbeiten. Wir alle im Großraum Stuttgart und in den Ballungsräumen haben die Situation steigender Kinderzahlen. Gründe dafür sind a) steigende Geburtenzahlen, b) der sogenannte „normale“ Zuzug von außen und c) der Anstieg durch Flüchtlingskinder. Das heißt, statt dass wir Kindertagesstätten schließen, wie noch vor drei, vier Jahren erwartet, gehen wir wieder in den Ausbau. Wir haben also große Herausforderungen im Kita-Bereich.

Die Arbeit im Senioren-Bereich ist ebenfalls ein wichtiges Gebiet, auf dem wir mit dem Evangelischen Verein zusammen arbeiten. Mit den Angeboten seiner Diakoniestation ist der Verein auch hier ein äußerst relevanter Akteur in der Stadt. Die Aufgaben werden nicht weniger. Probleme wie Altersarmut, Vereinsamung, in manchen Fällen auch Verwahrlosung von Menschen kommen auf uns zu. Die steigende Anzahl betagter Menschen, die keine Angehörigen haben oder deren Angehörige nicht in der Nähe wohnen, beschäftigt uns. Angebote für die älter werdende Gesellschaft wie den Treffpunkt Mozartstraße, die Idee von Stadtteilzentren oder auch generationenübergreifende Angebote halte ich für sehr relevant. Auch vor dem Hintergrund „Zusammenleben in der Stadt“.

 

Als Evangelischer Verein möchten wir noch mehr Ansprechpartner dafür sein, den Weg zur vielbeschworenen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zu gestalten. Wie kann sich der Verein diesbezüglich in der Zukunft und in der Kommunikation mit der Stadt verhalten?

Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Evangelischen Verein ist bisher schon sehr gut und äußerst vertrauensvoll. Das war sie auch bereits vor meiner Zeit. Insofern würde ich mir wünschen, dass das so bleibt und dass man die Dinge weiterhin gemeinsam und konstruktiv angeht. Immer mit der Zielsetzung, ein gutes Leben in Fellbach zu ermöglichen – für alle Milieus, für alle Altersgruppen. Wenn wir uns gemeinsam und wie bisher im guten Austausch weiterentwickeln und die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen, können wir die zukünftigen Herausforderungen gut meistern. Man ist sich vielleicht nicht in allem einig, bisher haben wir aber immer einen guten, sachlichen, konstruktiven Dialog geführt. Die Stadt hat stets versucht, über den Evangelischen Verein oder auch den Treffpunkt Mozartstraße, Aktivitäten mitzutragen und zu unterstützen. Insofern gibt es keinen konkreten Anlass, etwas zu ändern. Ich meine, meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger kann da ein gut bestelltes Feld übernehmen – noch einmal: das ist nicht mein Verdienst. Ich durfte da reinwachsen und wenn die Zusammenarbeit so weitergeht, dann mache ich mir keine Sorgen.

 

Wie beschreiben Sie Ihre Funktion als Vertreter der Stadt Fellbach im Aufsichtsrat des Evangelischen Vereins?

Durch meine verschiedenen Ämter und das gewachsene Aufgabenspektrum war es für mich oft ein zeitliches Problem, die Sitzungen des Aufsichtsrats zu besuchen. Manchmal habe ich mich auch gefragt, welchen Hut ich jetzt auf habe – den der Stadt oder den des Aufsichtsrats im Verein? Allerdings ist es ja so, dass man als städtischer Vertreter nur beratendes Mitglied ist. Ich hatte dann mit den Vereinsvorständen vereinbart, dass ich vor allem bei Themen, die die Schnittstelle Stadt und Verein betreffen, zu den Sitzungen komme. Bei Sitzungen mit reinen Interna des Evangelischen Vereins habe ich mich auch mal ausgeklinkt. Aber ich hatte immer ein schlechtes Gewissen dabei (schmunzelt). Das ist auch wirklich ein Thema, das man mit einer Nachfolgerin, einem Nachfolger noch einmal angehen sollte – das Rollenverständnis dieser Funktion im Aufsichtsrat.

 

Die gesellschaftlichen Veränderungen und der demografische Wandel sind in vollem Gange. Welche Herausforderungen sehen Sie hier für den schon erwähnten Treffpunkt Mozartstraße – und vielleicht auch für alle drei Begegnungsstätten in Fellbach?

Es sind wohl wirklich die gleichen Herausforderungen für alle drei Begegnungsstätten. Der Treffpunkt Mozartstraße ist die größte davon und somit ein Stück weit auch in einer Vorreiterrolle. Wir diskutieren seit mehreren Jahren mit allen Begegnungsstätten darüber, wie ihre entsprechende Weiterentwicklung gestaltet werden kann. Klar ist, dass klassische Vortragsabende oder gemeinsames Kaffeetrinken gut sind, die Einrichtungen aber auf Dauer nicht am Leben erhalten. Meine Vorstellung ist nicht, die heutigen Angebote einfach zu beerdigen. Wir sollten uns aber fragen, in welche Richtungen und Bereiche wir uns öffnen müssen. Die Zielgruppe sind natürlich immer noch ältere Menschen. Aber wer sind „ältere Menschen“? Wie erreicht man rüstige Jungrentner? Wie kann man die in das Gemeinwesen einbeziehen? Eine gesellschaftliche Öffnung anstoßen? Da hat ein wichtiger Prozess begonnen, der natürlich nicht ganz einfach ist. Die Frage, die man sich in solchen Prozessen stellen muss, ist: Bisher lief es gut – was müssen wir machen, damit es auch weiterhin so oder sogar noch besser läuft?

 

Können Sie das konkretisieren?

Man muss sehen, wie sich die Gesellschaft wandelt und die anderen gesellschaftlichen Milieus und Gruppen, die sich immer weiter auffächern, erreicht werden können. Den klassischen Kundenkreis aus Menschen, die hier groß geworden sind, ihr Wengert, Gärtchen oder Häuschen haben, den gibt es noch, den darf man nicht unter den Tisch fallen lassen. Doch er wird eben immer kleiner. Die bunter werdende Gesellschaft, die wächst und wird größer – die muss man auch abholen. Wichtig ist, Menschen im Alter von 65 bis 70 Jahren für Aktivitäten zu begeistern. Die können viel einbringen, sind noch fit, agil und eine wachsende Gruppe, die man für ehrenamtliches Engagement gewinnen kann. In dieser Altersgruppe sind viele Potenziale für bürgerschaftliches Engagement und ein großer Wissensvorrat. Von den privaten wie beruflichen Erfahrungen und Kenntnissen der Menschen kann man profitieren – für diese Personen ist das ja auch eine Art Wissensvermächtnis. Hier ist tatsächlich Bewegung rein gekommen. Ein gutes Beispiel sind die Tageslotsen im Treffpunkt Mozartstraße. Sie übernehmen Verantwortung für einen reibungslosen Tagesablauf in der Begegnungsstätte und ermöglichen so, dass die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen sich neuen Schwerpunkten widmen können. Das ist genau die Richtung, in die es aus meiner Sicht gehen muss.

 

Zum Schluss der Blick in die Zukunft: Welche Pläne haben Sie für Ihre restliche Amtszeit und für die Zeit nach Ihrem Abschied? Wir als Evangelischer Verein – wo treffen wir Sie wieder?

Wenn Sie mich zur Mitgliederversammlung einladen – ich bin ja Mitglied – dann komme ich nächstes Jahr (lacht). Bis ich aber hier aufhöre, möchte ich meine Aufgaben genauso gewissenhaft und sorgfältig erledigen, wie ich es immer versucht habe. Ob das gelungen ist, mögen andere beurteilen. Es gibt noch ein paar Themen, die ich gerne auf’s Gleis setzen möchte – gerade im Bereich der Kitas und Schulen. Für die Zeit danach ist es mein Wunsch, dass ich eben  aus dem  „Hamsterrad“ herauskomme, mehr persönliche Freiheiten habe. Ich will aber nicht gleich „nur“ Rentner oder Pensionär sein, sondern noch ein paar Jahre arbeiten. Als was, das ist noch relativ offen. Viele Kollegen sind beratend im kommunalen Bereich oder als Dozenten unterwegs, Stiftungen wären eine Möglichkeit – auch da sucht man Leute mit einem gewissen Erfahrungsschatz. Eine Aufgabe im Ausland, etwa bei „Manager ohne Grenzen“, kann ich mir ebenfalls vorstellen. Auf jeden Fall wünsche ich mir auch mehr Zeit zum Motorradfahren und um meine im Ausland lebenden Töchter zu besuchen.

 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für diesen Rück- und Ausblick genommen haben, Herr Geyer. Ihnen alles Gute für die vor Ihnen liegende Zeit!

 

Fotos: Evangelischer Verein Fellbach e.V.

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